Die Waldentwicklung zwischen 1300 und 1600

Der allgemeine Bevölkerungsrückgang im 14. und 15. Jahrhundert machte sich auch im Vogelsberg bemerkbar. Uber die Hälfte aller Siedlungen, vor allem im Bereich des Oberwaldes, wurden aufgegeben, die meisten für immer. Dennoch konnte der Wald sich nur vergleichsweise wenige wüstgefallene Gemarkungen zurückerobern. Vor allem durch die nun sehr stark einsetzende Beweidung der durch die Rodungen entstandenen Huteflächen im Oberwald wurde die Inbesitznahme der Landschaft durch den Wald verhindert.

Im Mittelalter stand insbesondere der Laubwald, wie er damals im Vogelsberg heimisch war, in weitaus engerer Beziehung zur menschlichen Existenz als heute. Neben dem Bedarf für Köhlerei und Eisenverhüttung lieferte das Holz fast alles Bau- und Werkmaterial sowie den einzigen Brennstoff. Daneben musste er für das Vieh Gras, Eicheln und Bucheckern sowie Laub und Streu für die Ställe zur Verfügung stellen. Die Nutzung essbarer Früchte, die Bienenweide, aber auch die Gewinnung von Lohrinde zum Gerben des Leders und später auch die Jagd als gesellschaftliches Ereignis des Adels belasteten die Waldentwicklung und den Zustand der Wälder sehr.

So verschlechterte sich der Waldzustand durch überzogene Ansprüche der wachsenden Bevölkerung und ungeregelte sowie unpflegliche Nutzung vom ausgehenden Mittelalter an drastisch. Das Gespenst der Holznot ging um.
Dies war Anlass der Grundherrschaften im Vogelsberg, durch sogenannte Wald- oder Forstordnungen dieser Zerstörung Einhalt zu gebieten. So gab es bereits 1565 von der Familie der Freiherren RiedeseI zu Eisenbach die erste Waldordnung sowie zahlreiche Vorschriften zur Einschränkung des Holzverbrauches und zur sparsamen Verwendung. Insbesondere versuchte man, durch Einzäunungen das Weidevieh aus verschiedenen Waidteilen herauszuhalten, um dem Wald wieder eine Möglichkeit zu bieten, sich natürlich zu verjüngen und fortzuentwickeln. Während auf die durch Köhlerei und Eisenverhütten zerstörten großen Flächen des Oberwaldes nach wie vor teilweise aus der Wetterau bis zu 3000 Rinder je Jahr zur Beweidung getrieben wurden, bestand der zu den Siedlungen hin gelegene Wald aus sehr stark verlichteten Beständen. Auf über 50 % dieser Fläche entwickelte sich dadurch die für den frühen Vogelsberg so charakteristische, extensiv genutzte Huteweide mit wenigen, durch Viehverbiss oft bizarr verformten Einzelbäumen.

Erst die durch die Waldordnungen beginnende konsequente Entmischung von Land- und Forstwirtschaft, die sich bis etwa 1850 hinzog, wurde die Voraussetzung für eine zwar vom Menschen beeinflusste, aber im wesentlichen doch durch schädigende Einflüsse verschonte Waldentwicklung geschaffen.

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