Die Waldentwicklung von 1600 bis 1850

Seit spätromanischer Zeit entstehen auch im Vogelsberg weithin verbreitet sogenannte „Hagen Siedlungen“. Diese Siedlungen gehen in der Regel auf herrschaftliche Siedlungen (sogenannte Huben) zurück, von denen aus mit wachsender Bevölkerung räumlich beschränkte Rodungen in das sogenannte „Confinium (Wald- und Ödland) ausgingen. Die in diesen Siedlungen wohnenden Leute hatten in dem ihnen zugewiesenen Gebiet Weide- oder andere Nutzungsrechte, aber keinen festen Besitz.

Viele Orts- aber auch Waldortsnamen weisen auf diese Entwicklung hin (Hagen = Hain). Die Ortsnamen z.B. von Rudingshain, Breungeshain, Rebgeshain, Eichelhain, Herchenhain, aber auch die häufig vorkommenden Waldortsnamen „Hainerwald‘, „Hainerhecke“ haben ihren Ursprung in diesen Hagensiedlungen. Während in Ortsnähe überwiegend die Schaf- und Ziegenweide, die äußerst zerstörerisch auf jeglichen Bewuchs in der Landschaft einwirkte, üblich war, wurde das Großvieh über sogenannte Triften bis weit in die Waldungen zur Hute getrieben. Diese für die Waldverjüngung so verhängnisvollen Huterechte konnten auch durch die ergangenen Wald- oder Forstordnungen nicht abgeschafft werden. Letztlich war es die Jagdleidenschaft des Adels, vor allem der Landgrafen von Darmstadt (Ludwig VII., Ludwig VIII.), die zum Erhalt der letzten Buchenwälder des Vogelsberges maßgeblich beitrug. Um ihrer Jagdleidenschaft ungestört frönen zu können, wurden große Waldteile im Oberwald für die Beweidung und den Zutritt der Bevölkerung gesperrt. Wenn auch der hohe Wildbestand in diesen Bereichen für Schäden im Wald sorgte, so blieb dieser jedoch vor der gänzlichen Zerstörung verschont. Das heute in der Nähe der Ortschaft Rudingshain gelegene Naturwaldreservat beherbergt solche noch ursprünglichen Buchen- und Ahornwälder des Vogelsberges, die einst landgräfliche Jagdflächen waren.

Zwischen den Jahren 1720 bis 1770 war der Vogelsberg bevorzugtes Forschungsgebiet für zahlreiche Geologen, aber auch Botaniker und Forstleute. Es liegen uns daher aus dieser Zeit sehr exakte Beschreibungen des damaligen Waldzustandes im Vogelsberg vor. So hinterließ Johann Jacob Dillenius (geb. 22.12.1684 in Darmstadt, 1721 Prof. der Botanik in Oxford, 1747 dort verstorben) einen bis jetzt unveröffentlichten Nachtrag zu seiner bekannten Flora von Gießen‘. In diesem Nachtrag beschreibt er den Vogelsberg als ein ‚Hoch und kaltes Gebirg, sonderlich zur Winterszeit. Sehr häufig wächst im Oberwald Buche und Alpenhexenkraut auf vielen umgefallenen, faulen Bäumen. Vom Bergahorn stehen im Oberwald sehr hohe Bäume.“ Die auf dem Dach des Vogelsberges durch Köhlerei und Weidenutzung zerstörten Flächen beschreibt er als Heyaen, so nichts anders als trocken, gleich wüstenhafte Plätze im Oberwald, so Breungeshainer Heyd, trockene Wiesen bis Ulrichstein und zu den Forellenteichen“.

Ein Forstgutachten, gefertigt von Oberförster Neidhardt am 03.10.1770 beschreibt große Waldteile aus dem heutigen Oberwald wie folgt: „Das Gehölz besteht aus schwachen Stangen. Große und starke Buchen sind nur wenige vorhanden, sodass kein Klafter Holz im Wald zu machen ist. Der junge Buchennachwuchs ist nur sehr ungleich und auf kleinen Flächen vorhanden, da er meistens von dem Vieh in der Gegend abgefressen und verdorben worden ist. Auf den der Gemeinde zum Beweiden überlassenen Flächen ist der Boden völlig mit Moos überzogen und nur noch einzelne Bäume stehen darauf.“
Trotz der nach wie vor starken Zerstörung der Wälder durch Waldweide und teilweise überhöhte Wildbestände ließen die damaligen Forstleute nicht nach, den Wald im Vogelsberg wieder in eine geregelte Entwicklung und Nutzung zu führen. 1621 versucht Landgraf Ludwig V., ein Enkel Philipps des Großmütigen, durch umfangreiche Aufforstungen im Oberwald die Staatseinkünfte zu vermehren. U.a. nahm er die Aufforstung der völlig zerstörten sogenannten Breungeshainer Heide in Angriff. Er säte die Flächen mit großen Mengen Kiefernsamen, den er aus Durlach (bei Karlsruhe) bezogen hatte. Die Aufforstungsfläche wird in einem Gutachten beschrieben als ein „Gelände, das über und über mit hohen alten Maulwurfshaufen überzogen ist, worauf das Moos fast eine viertel EIle hoch wächst‘. Der damalige Amtmann von Nidda stellte fest, dass die Maulwurfshaufe« durch den tiefgefrorenen Boden, der noch im April mit Schnee bedeckt war, verursacht wurden. Der Aufforstungsversuch misslang völlig, da unter diesen Witterungsumständen das Saatgut nicht keimen konnte.

Nach diesem missglückten Aufforstungsversuch von 1621 wurde fast 200 Jahre lang kein Versuch mehr unternommen, den Oberwald wieder vollständig zu bewalden. Statt dessen versuchte man, die zahlreichen Huteweiden, die meist tiefergelegen waren, mit vielen Ideen und Initiativen wieder in Wald zu überführen. So wurde z. B. ab 1672 jeder Riedeselsche Untertan bei seiner Heirat verpflichtet, zwei Eichenstämmchen auf die Huteweiden zu pflanzen.
1744 schließlich hat man erstmals Aufforstungsversuche in den nördlichen Bereichen des Vogelsberges mit der Fichte begonnen. Diese konnte allerdings zunächst nur sehr langsam durch Saat in stark verwüsteten Waldteilen Fußfassen. Wenig später wurden auch die ersten Lärchen im Vogelsberg angesät.

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