Die Waldentwicklung von 1850 bis 1985

Der erstmalige Anbau der Fichte 1744 im Gebiet der Waldungen der Freiherren Riedesel zu Eisenbach zeigte auf den armen und durch Viehtritt sehr stark verfestigten Böden des Vogelsberges erste Erfolge. So versuchte man 1823 auch in der Gemarkung Feldkrücken, die zum Forst Schotten gehörte, auf 11 ha ebenfalls Fichte zu pflanzen.
Ausschlaggebend für die Ausbreitung der Fichte im Oberwald jedoch war der Revierförster Karl Aßmus, der schon 1830 Erfahrung mit dem Fichtenanbau, insbesondere mit der Pflanzung der Fichte, im Revier Lißberg gemacht hatte. Als er später in das Revier Grebenhain des Forsts Schotten versetzt wurde, hat er sich außerordentlich intensiv und mit Erfolg für die Fichtenpflanzung auf Ödländereien eingesetzt. So begann er auch im Sichenhäuser Gemeindewald Fichten zu pflanzen.

Diese Erfolge im Fichtenanbau haben sich auf die Waldentwicklung der jüngsten Zeit im gesamten Vogelsberg ausgewirkt. Aßmus erhielt mit der Forcierung des Fichtenanbaus im Vogelsberg, insbesondere aber im Oberwald, nicht ungeteilten Beifall. So schreibt 1852 der Revierförster August Brumhardt aus Schotten in einer Veröffentlichung, dass er zwar das gute Gedeihen der Fichte im nördlichen Vogelsberg bestätigen müsse, dass aber auf die Frage, was dereinst mit diesem Holz geschehen soll, keine andere Antwort zu finden sei als: „Es muss im Wald verfaulen!“

So rückte der Fichtenanbau aus den tieferen bis mittleren Lagen des Voge immer näher an den Bereich des Oberwaldes heran. Nicht zuletzt war die klimatisch völlig ungeschützte Lage des Oberwaldes auf ca. 1000 ha Größe ausschlaggebend, dass bis dahin alle Aufforstungen, gleichgültig mit welcher Baumart, fehl schlugen. So erfahren wir aus dem Protokoll einer Tagung des Hessischen Forstvereins in Schotten aus dem Jahre 1896, dass man letztmalig 1853 versucht hatte, den Oberwald mittels einer Mischsaat wieder in Wald zu überführen. Man mischte große Mengen Samen von Hainbuchen, Weißerlen, Schwarzerlen, Birken, Fichten, Lärchen, Weißtannen, Zirbelkiefern, Ahorn und Eschen sowie Bucheckern. Neben der Aussaat dieser Mischung wurden auch Pflanzversuche mit sämtlichen vorgenannten Baumarten gemacht. Die verwendeten Saatgutmengen hätten viele Millionen von Pflänzlingen erwarten lassen. Doch haben der durch jahrhundertelangen Viehtritt verfestigte Boden und die rauhen Klimaverhältnisse diesen großangelegten und mit viel Energie betriebenen Aufforstungsversuch wiederum zunichte gemacht.

Trotz dieser Misserfolge ließ man sich jedoch nicht mehr von dem Vorhaben abschrecken, den Oberwald des Vogelsberges wieder zu bewalden. So schuf man von 1874 bis 1877, teilweise durch Sträflingsarbeit, insgesamt 33.940 Meter Gräben die von Südosten nach Nordwesten senkrecht zur Hauptwindrichtung quer über den Bereich des Oberwaldes verliefen. Diese etwa 0,5 m tiefen und 0,5 m breiten Gräben hatten einen Abstand zueinander von 3 - 6 m. In diese Gräben hinein pflanzte man nun die Fichten, um diesen damit Schutz gegen Wind und Kälte zu gewähren und sie gleichzeitig direkt mit den Wurzeln in den Mineralboden einzubringen. Diese Idee nun führte endlich zum Erfolg. Aus den windgeschützten Gräben konnten die jungen Fichtenpflanzen herauswachsen und schufen so auf den Flächen zwischen den Grabenreihen wiederum Windruhe. Dort wurden dann wenige Jahre später weitere Fichten angepflanzt. So war letztlich um 1900 auch der Oberwald aufgeforstet und das Landschaftsbild so, wie es sich heute darstellt, geschaffen.

Die heute im Bereich zwischen Hoherodskopf und Ulrichstein vorzufindenden, teilweise großflächigen Fichtenbestände, die allerdings in den letzten Jahren zunehmend dem Sturm und dem Borkenkäfer zum Opfer fallen, sind somit die erste Waldgeneration nach mehr als 500 Jahren Waldzerstörung durch Köhlerei, Eisenverhüttung und vor allem Beweidung im Vogelsberg. Wer noch heute mit offenen Augen in der Nähe der Naturschutzgebiete Breungeshainer Heide und Forellenteiche durch diese alten Fichtenbestände geht, kann jene regelmäßig gezogenen Paralleigräben noch entdecken. Die häufig geäußerte Ansicht, dass es sich bei diesen Gräben um Entwässerungsgräben der Moorflächen handelt, lässt sich damit widerlegen, dass deutlich erkennbar ist, dass auch heute noch viele der starken Fichten aus den Grabensohlen herauswachsen. So neigt man heute eher zu der Ansicht, dass die Idee der Fichtenpflanzung in Gräben eine der großen forstlichen Pioniertaten auf dem Wege zur Wiederbewaldung des Vogelsberges war.

Um 1904 versuchte man mittels eines sogenannten Generalkulturplan nun auch auf den verbliebenen Huteweiden und ortsnahe gelegenen freien Flächen die Aufforstung nach einem einheitlichen, finanziell großzügig vom Staat geförderten Plan voranzubringen, um vor allem die häufigen und starken Südwestwinde zu brechen. Dieser Plan jedoch scheiterte letztlich am Widerstand der Vogelsberger Bauern.

In der Folge ist jedoch die Aufforstungsbewegung im Vogelsberg nicht zum Stillstand gekommen. Sie hat das Gesicht des Vogelsberges in den letzten 100 Jahren entscheidend verändert, nicht nur durch die geradezu ungeheure Waldzunahme, sondern auch durch den Wandel in der Baumartenzusammensetzung. Bis etwa 1980 wurde für die Erstaufforstungen brach gefallener landwirtschaftlicher Böden fast nur die Fichte verwendet. Auch in den Gemeindewäldern wurde überwiegend die finanziell und betriebswirtschaftlich günstige Fichte angebaut. Lediglich in den Staatswäldern wurde versucht, den Anteil der Buche, des einstigen Charakterbaumes des Vogelsberges von ca. 30 % durch natürliche Verjüngung zu halten. Gleichzeitig wurde vor allem dem Ahorn und der Esche zunehmend Platz als Mischbaumart eingeräumt.

Die durch die Technik zunehmend genauere Forstinventur ermöglichte es, genaue Erkenntnisse über die Böden, den Wasserhaushalt sowie das Wachstum des Waldes zu erlangen und darauf forstliche Planungen aufzubauen. Seit 1795 macht man sich dabei das von Georg Ludwig Hartig definierte Prinzip der Nachhaltigkeit zur oberen Handlungsmaxime. Dieses Prinzip sagt aus, dass in einem Wald nur so viel Holz regelmäßig genutzt werden darf, wie jedes Jahr durch den Zuwachs der Bäume an Höhe und Dicke neu entsteht. Entsprechende Forstgesetze machen Rodungen nahezu ausgeschlossen, begünstigen aber den Wunsch nach Aufforstung. Damit wird sichergestellt, dass eine Waldzerstörung und Holznot wie im Mittelalter nie mehr entstehen kann.

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