Der Zahn der Zeit nagt auch am harten Stein

Lebenslauf eines Granits

Geboren  –  als Tiefengestein

Tief im Inneren unserer Erde, viele Kilometer unter der Oberfläche, gibt es riesige Bereiche mit glutflüssigem Magma, das nur darauf wartet, in einem Vulkanausbruch nach oben geschleudert zu werden. Doch Gesteine, in welcher Form auch immer, müssen sehr geduldig sein, denn egal auf was sie warten müssen – in unseren Zeitvorstellungen gemessen, dauert das einfach ewig...
So war es auch mit diesem Granit, dem das mit dem Aufsteigen bis ganz oben einfach nicht gelungen ist. Stattdessen blieb er irgendwo auf dem Weg nach oben stecken, an einem „kühleren Ort“ – kaum über 500 ° C  –  und erstarrte dort langsam. Und zwar wirklich langsam: Das ganze dauerte mehrere Millionen Jahre!

Das ist das Schicksal der meisten Magmen – eigentlich ähnlich wie bei uns, wo ja auch nicht jeder aufsteigen kann. Für uns Menschen ist das ein großes Glück, denn Granit ist das häufigste Gestein auf der Erde, und wenn jeder Granit Karriere machen würde, gäbe es so viele Vulkane auf der Erde, dass wir kaum ein ruhiges Plätzchen mehr fänden, um ein bisschen Gemüse anzubauen  –  wir wären nur noch auf der Flucht.

Ausbildung  – von Kristallen

Die Abkühlungsphase von Granit könnte man mit unserer Schulzeit und Ausbildung vergleichen, die aus einem Rudel Kinder ganz unterschiedliche Persönlichkeiten formt. Und der Granit bildet Kristalle aus! Er besteht aus verschiedenen Mineralien, der klassische Lehrsatz  “Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess´ ich nimmer“ nennt die Hauptbestandteile. Wie bei uns Menschen gibt es regionstypische Unterschiede: Hautfarbe, Sprachen, Vorkenntnisse – bei den Graniten sind es Zusatzminerale und -elemente, die ihnen unterschiedliche Farben und Schattierungen geben. Diese Minerale können sich allerdings erheblich länger Zeit lassen bei ihrer Ausbildung wie wir Menschenkindern, nämlich einige Millionen Jahre!

Und wie bei Menschen gibt es auch hier große Unterschiede im Grad der Ausbildung, denn auch die Kristalle werden größer, um so länger die Abkühlung dauert: Hätte der noch flüssige Granit es bis zur Erdoberfläche geschafft, wäre er sozusagen zum „Schulabbrecher“ geworden (Rhyolith genannt in der Steinsprache). Er wäre in ganz wenigen Jahren erstarrt und hätte seine Kristall-Ausbildung so verkürzt, dass die meisten Kristalle mikroskopisch klein geworden wären – nichts womit man wirklich angeben kann, denn normalerweise werden die Kristalle 1-5 mm groß. Manche Granite entwickeln sich auch zu richtigen Strebern: Sie hängen noch mal eine Mio. Jahre dran und bilden Kristalle von mehreren Zentimetern aus.

Berufsfindung und Arbeit  – natürlich im Bau

Hier gibt es jetzt ganz große Unterschiede im Lebenslauf, denn wir Menschen können Bewerbungen schreiben und uns einen Job suchen. – Dass kann der Granit nicht! Bei ihm ist es eher so wie bei den Stars, er muss darauf warten, endlich entdeckt zu werden.

Und das kann dauern, denn erst einmal befinden sich noch etliche Kilometer anderes Gestein zwischen ihm und der Erdoberfläche. Unser Odenwaldgranit hier musste z.B. rund 300 Mio. Jahre warten, bis er nach Auffaltungen von Gebirgen und der Abtragung der darüber liegenden Steinschichten endlich an die Oberfläche kam und entdeckt wurde.
Beruflich sind Granite ziemlich festgelegt, die meisten zieht es ins Baugewerbe: Pflastersteine, Fassadenplatten, Tische, Fensterbänke, Mühlsteine oder auch nur Schottersteine, für jeden Granit findet sich der geeignete Job.

Arbeitslosigkeit und Frührente - Verwitterung

Granite bleiben unterschiedlich lange im Erwerbsleben, manche schaffen es nicht einmal zu einem klitzekleinen Job, denn sie sind bereits Erwerbsunfähig, bevor sie an die Oberfläche kommen. Der große Feind der Granite – und aller Gesteine ist die Verwitterung, Erosion genannt.

Und die beginnt oft lange, bevor ein Granit endgültig die Oberfläche erreicht: Während der Erkaltung der riesigen Granitmasse schrumpft diese leicht ein. Dadurch entstehen lange Risse im Gestein, senkrecht und auch quer zur Oberfläche, die diese Masse in quaderförmige Stücke spalten. Als erstes verwitterten die Ecken und Kanten der Steine, worauf diese immer rundlichere Formen annehmen. Dann werden die kleinen Steine und Sande aus den Zwischenräumen herausgespült. Die großen Brocken, die übrigbleiben sehen dann aus, als würden hier Wollsäcke aufeinanderliegen. Deshalb wird diese Form der Verwitterung von Geologen auch „Wollsackverwitterung“ genannt. Das Felsenmeer im Odenwald besteht aus solchen „Wollsäcken“ (siehe Bild).

Tod und Wiedergeburt – Verwitterte Menschen und Urgesteine

Menschen und selbst Steine müssen irgendwann sterben und lösen sich dann in ihre Bestandteile auf.

 Beim Granit verwittert der Feldspat zuerst und macht den Stein bröselig. Er wird schließlich in Ton verwandelt, während die Quarzkörnchen zu Sand werden.
Tone, Erden, Sande bilden Schichten auf der Erdoberfläche, die in den folgenden Jahrtausenden und Jahrmillionen von Winden an andere Orte geblasen, von Flüssen oder Meeren mit anderen Gesteinen vermischt werden, von weiteren Schichten überdeckt und zu Sandstein und Sediment gepresst werden. Und ein paar 100 Mio Jahre später wird dieser Teil der Erdkruste erneut nach unten gezogen, verflüssigt sich, und der ganze Kreislauf beginnt wieder von vorne.

Und beim nächsten Vulkanausbruch ist dann vielleicht auch ein kleines Stückchen von dir dabei!

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Felsenmeer: Dieter Wolf
Granit: Christina Marx
Wollsackverwitterung:
J. Klengel, O.Wagenbred